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Tempelhof-Schöneberg als Fairtrade-Town: Anfänge, Entwicklungen und Perspektiven

Campus Berlin, 16.11.2018

Studierenden der Fairtrade-Steuerungsgruppe der EBC-Hochschule und Prof. Dr. Johannes Keil im Gespräch mit der Bürgermeisterin des Bezirks Tempelhof-Schönebergs Dr. Angelika Schöttler

Desiree Feuerriegel: Frau Schöttler, der Bezirk Tempelhof-Schöneberg war einer der ersten Bezirke Berlins, die sich zu einer sogenannten Fairtrade-Town entwickelt haben. Was verbirgt sich für Sie hinter dem Konzept Fairtrade-Town und warum haben Sie sich entschieden, diese Kampagne ins Leben zu rufen?

Angelika Schöttler: Die Initiative kam anfänglich aus der Bezirksverordnetenversammlung. Das Thema war uns wichtig und als wir uns angeschaut haben, was man für den Erhalt des Fairtrade-Siegels erfüllen muss, haben wir uns entschieden, das Projekt in Angriff zu nehmen. Auf dem Weg zum Beschluss war mir besonders wichtig, dass dies keine Initiative sein sollte, die man heimlich über das Bezirksamt umsetzt und dann war es das. Ich bin der Meinung, dass der Fairtrade-Gedanke einer ist, der vorgibt: Wir machen das alle gemeinsam, besonders auch mit der Bürgerschaft! Es geht für mich darum, den Gedanken nach außen zu tragen, immer mehr Leute davon zu begeistern und über Mundpropaganda ein positives Schneeballsystem auszulösen, damit mehr und mehr Leute sich mit einbringen. Aus diesem Grund, war es mir sehr wichtig, dass die BVV (Bezirksverordnetenversammlung) dabei aktiv mitwirkt und daraufhin haben wir eine Steuerungsgruppe ins Leben gerufen, die alle Aktivitäten im Bereich Fairtrade seither koordiniert. Mittlerweile macht die Verwaltung da mehr als gedacht, was allerdings in Ordnung ist, denn die Initiative ist nun auch schon in der Phase, in der wir das Siegels erneuern müssen und dafür müssen wir den Vorgaben nachkommen. Dafür brauchen wir eine gute Strukturierung.

Ich persönlich engagiere mich sehr gerne für den Bereich Fairtrade, weil man sich so ein immer fundierteres Wissen über den fairen Handel aneignet und vor allem deckt man auf, was sich in unserem Bezirk in dieser Sache schon alles entwickelt.

Lennard Broll: Wer ist denn alles in dieser Steuerungsgruppe involviert und nimmt der kleine Einzelhandel in der Steuerungsgruppe auch aktiv teil?

Angelika Schöttler: Nein, die Vertreter des kleinen Einzelhandels mischen sich im Regelfall nicht durch die Steuerungsgruppe ein. Die Steuerungsgruppe setzt sich aus den Parteien zusammen, aber auch durch viele Menschen aus der Zivilgesellschaft, denen das Thema am Herzen liegt und die sich gerne dafür engagieren. Außerdem haben wir zwei Leute dabei, die Fairtrade schon beinahe beruflich machen, weil diese beispielsweise in Beratungszusammenhänge involviert sind. Auch konnten wir uns Expertise aus den Bezirken, die das Siegel schon haben und von existierenden Projekten in unserem Bezirk einholen, die sich schon viele Jahre dem fairen Handel verpflichtet sehen. So haben wir unsere Gruppe anfänglich zusammengesetzt und werben immerfort um Unterstützung für die einzelnen Aktivitäten. Besitzer von kleinen Läden sind da selten dabei, denn meistens haben diese zu wenig Zeit. Die Steuerungsgruppe ist also einem steten Wandel unterlegen.

Desiree Feuerriegel: Sie sagten gerade, dass Sie sich auch viel Expertise noch eingeholt hätten, was ja vermutlich zumeist über die Verwaltung geht. Geht die Initiative denn mehr von der Bürgerschaft aus oder von der Verwaltung?

Angelika Schöttler: Wie gesagt, je länger das Projekt andauert und je größer es wird, desto mehr wird die Verwaltung mit eingebunden werden müssen. Das war am Anfang auch anders, aber da auch die Mitglieder der Steuerungsgruppe das alles ehrenamtlich machen, sind sie in ihrer Zeit und Kraft begrenzt. Deshalb macht es meines Erachtens Sinn, den vielen tollen Ideen aus der Steuerungsgruppe bei der Umsetzung von Seiten der Verwaltung zur Seite zu stehen. Es geht ja darum, die Bürgerinnen und Bürger mit den Prinzipien des fairen Handels bekannt und vertraut zu machen und wenn die Verwaltung dabei einen Beitrag leisten kann, sind wir gerne bereit dies auch weiterhin zu tun.

Lennard Broll: Können Sie uns beschreiben, wie die praktische Arbeit für den Bezirk als Fairtrade-Town funktioniert? Und gibt es dabei Erfolge, die sich messen lassen?

Angelika Schöttler: Es ist jetzt nicht so, dass man unsere Arbeit irgendwie an einem Zeit-, Arbeits- oder Gelderfolg messen könnte. Der Wert, dass im Bezirk das Thema »Fairtrade« öffentlich diskutiert wird, ist im Prinzip unser Arbeitserfolg an sich. Also das man in einem gewissen Maße eine Meinungsbildung in diesem Bereich befördert, ohne den Anspruch zu haben, alle Menschen zu erreichen. Der Anspruch ist eher der, die Gruppe der Menschen, die sich um Fairtrade im täglichen Leben Gedanken machen, wachsen zu lassen. Es soll permanent das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Nicht dadurch, dass jeden Tag etwas darüber in der Zeitung steht, sondern dass kontinuierlich über das Jahr verteilt Veranstaltungen angeboten werden, Pressemitteilungen und Hinweise herausgegeben werden, um eben die Geschäfte sichtbar zu machen. Und dass man Schulen, Hochschulen und Kirchengemeinden etc. dazu animiert, im Sinne von Fairtrade tätig zu werden. Im Prinzip ist es ein ständig durch die Gegend laufen und Leute motivieren, sich dem Thema anzunehmen. Und in den letzten zwei Jahren konnten wir auch schon einige Leute finden, die sich da engagieren wollen, Sie zum Beispiel (gemeint ist die EBC Hochschule in Berlin-Schöneberg) sind ja selbst darauf gekommen, aber wir können Sie natürlich tatkräftig unterstützen. Das ist eigentlich der Mehrwert, dass wir mit unserem Know-how andere Interessierte in Ihrem Bestreben unterstützen können und das ist ja allgemein auch das, was das Siegel will, indem ein Netzwerk ausgebaut wird und ein Unterstützungssystem entwickelt wird. Der nächsten Hochschule können wir jetzt zum Beispiel auch Ihren Kontakt ans Herz legen, wenn diese beabsichtigen sollte, eine Fairtrade-Hochschule zu werden.

Desiree Feuerriegel: Sie sagten, dass durch die Arbeit der Verwaltung und der Fairtrade-Steuerungsgruppe im Bezirk für die Idee des fairen Handels ein Bewusstsein geschaffen werden soll. Können Sie konkret beschreiben, was der Kreis der Beteiligten dafür an Aktionen auf die Beine gestellt hat, um dieses Ziel zu verwirklichen. Können Sie da einige nennen?

Angelika Schöttler: Ja, eine ist mit Sicherheit das Sichtbarmachen der kleinen Geschäfte, was mir persönlich super wichtig ist. Außerdem haben wir auch ein Fairtrade-Frühstück auf der Carl-Zuckmayer-Brücke abgehalten. Das war gerade für die Vernetzung sehr hilfreich, weil viele schon Beteiligte sowie auch Interessierte und Leute, die durch Zufall vorbei gekommen sind, sich dort mit der Fairtrade-Idee über einige Stunden beschäftigen konnten. Außerdem haben wir auf unseren Festen mittlerweile in der Regel mindestens einen Fairtrade-Stand, zum Beispiel auf dem Lichtenrader Lichtermarkt und auf vielen Weiteren. Es ist einfach wichtig, dass man auf solchen Festen präsent ist, um greifbar zu sein. Weiterhin haben wir in diesem Jahr unsere Filmreihe gestartet, bei der im Rathaus Schöneberg ein zum Thema passender Film gezeigt wird und es danach noch eine kleine Diskussionsrunde gibt.

Lennard Broll: Das klingt doch gut. Und mal konkret auf die zu erfüllenden Vorgaben des Fairtrade-Siegels bezogen, hatten Sie denn an einen oder anderen Punkt größere Schwierigkeiten, diese zu erfüllen, und wenn ja welche?

Angelika Schöttler: Naja, am Anfang war es schon ein wenig knifflig, als wir vor diesem großen Berg standen und den irgendwie aufteilen mussten. Zum Beispiel muss es ja im Bezirk mindestens eine Schule geben, die nach Fairtrade-Kriterien agiert. Und da mussten auch wir erstmal mehr oder weniger in den Wald rufen und schauen ob es ein Echo gibt, denn ob eine solche Schule existiert wussten wir nicht. Solche Beispiel gab es einige und dadurch war es anfangs schon eine ordentliche Herausforderung, zu den Leuten hinzugehen, sie anzusprechen und nicht zu wissen, ob vielleicht mit Ablehnung reagiert würde. Das war bei den Einzelhändlern einfacher, denn da hatten wir eine Kette, die praktisch alleine die Auflagen schon erfüllt hätte, aber alles andere war Neuland. Allerdings haben wir diese Hürden dann doch überraschend schnell überwinden können.

Desiree Feuerriegel: Könnten Sie uns denn die zu erfüllenden Bestimmung nochmal kurz erläutern, die es braucht um Fairtrade-Gemeinde zu werden?

Angelika Schöttler: Zum einen müssen wir in der Verwaltung selbst etwas dafür tun. Zum Beispiel gibt es hier an offiziellen Veranstaltungen nur noch fair gehandelten Kaffee. Außerdem gibt es eine bestimmte Anzahl an fairen Einzelhändlern und Gaststätten, die in der Gemeinde vorhanden sein müssen und in den Bereichen »Schulen« und »Zivilgesellschaft« muss auch Engagement für den fairen Handel sichtbar sein. In letzterem haben wir uns besonders im kirchlichen Bereich nach Unterstützung umgesehen. Weiterhin muss bewiesen werden, dass das ganze Jahr über kontinuierlich Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird, was sich in Pressemitteilungen, Zeitungsartikeln, Veranstaltungen, Auftritten dann äußert. Und das muss auch alles dokumentiert werden. Also im Prinzip: selber was machen, es anderen erzählen, Mitstreiter finden und dabei das Netzwerk ausbauen.

Lennard Broll: Es gibt nun in letzter Zeit auch viel Kritik am »Fairtrade-Siegel«, mit dem Argument, die Vorgaben seien zu lasch. Zum Beispiel, weil ein Geschäft auch als faires Geschäft gilt, wenn es nur sehr wenige fair gehandelte Produkte führt. Was sagen Sie denn zur Härte der Vorgaben des Siegels?

Angelika Schöttler: Ich glaube es müssen zwei Fairtrade-Produkte geführt werden. Also ja, die Kriterien sind alle recht niedrig gesteckt, aber ich glaube, wenn man eine Bewegung in Gang setzen will, die eine gewisse Reichweite erzielen soll, macht es überhaupt keinen Sinn, die Maßstäbe so hoch zu setzen, dass sie niemand erfüllen kann. Wir wollen ja, dass sich die Leute mit der Sache beschäftigen und wenn Leute sehen, dass sie sich mit der guten Sache zu viel aufbürden, dann lassen es vielleicht auch viele einfach sein. Wenn das Siegel durch zu hohe Kriterien am Ende kaum jemand tatsächlich hat, dann ist die Sache so gut wie tot. Sinn und Zweck des Siegels ist einfach, dass darüber geredet wird und dass das Thema sichtbarer wird.

Desiree Feuerriegel: Berlin als ganze Stadt will ja auch eine Fairtrade-Town werden. Wie sehen Sie sich eigentlich als Repräsentantin von Berlin Tempelhof-Schöneberg in diesem doch etwas größeren Komplex? Würden Sie beispielsweise sagen, dass der Bezirk da schon eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen hat?

Angelika Schöttler: Also ich sehe uns da schon in einer Vorreiterrolle. Berlin kann ja auf zwei Arten Fairtrade-Town werden. Einmal, indem genug Bezirke Fairtrade-Towns werden. Es müssen dafür soweit ich weiß acht Bezirke das Siegel haben und das erreichen wir auch sehr bald. Oder aber Berlin kann selbst dafür Sorge tragen, dass die Stadt das Siegel erhält. Und das kann ich Berlin nur raten. Man sollte nicht bloß abwarten bis genug Bezirke das Siegel haben, sondern man sollte aktiv mitarbeiten, um das Thema mehr zur Debatte zu stellen. Das macht Berlin auch schon, es gibt ja auch schon auf Landesebene eine Fairtrade-Steuerungsgruppe.

Lennard Broll: Da wir jetzt der Steuerungsgruppe von Tempelhof-Schöneberg auch schon einmal beigewohnen konnten und uns alles angesehen haben, haben Sie schon irgendwelche Ideen wie die Steuerungsgruppe, beziehungsweise auch wir als Hochschule, in näherer Zukunft weiter agieren könnte?

Angelika Schöttler: Da würde ich zurückfragen! (lacht) Ich denke im Moment gehen die Ideen weniger von uns aus. Wir sehen uns da viel eher als Unterstützer und wir machen sehr gerne bei allen möglichen Dingen mit. Ich finde wir waren mit der Filmreihe schon auf einem sehr guten Weg, aber wir freuen uns natürlich über jede Initiative auch von außerhalb der Steuerungsgruppe. Zum Beispiel hat eine Schule ihre Koch-AG zu einer Fairtrade-Koch-AG gemacht und im Zuge dessen hatte sie vor, diese AG, mit der dahinter stehenden Idee, durch Ausflüge auch in andere Städten bekannt zu machen. Dabei konnten wir als Verwaltung der Schule Ausflüge in unsere Partnerstädte anbieten. Im Endeffekt sind sie sogar in drei Städten mehr gewesen als ursprünglich geplant.

Desiree Feuerriegel: Womöglich bietet es sich an, das Format einer Filmvorführung für unsere Hochschule auch einmal an.

Angelika Schöttler: Genau in diesen Momenten können wir natürlich unterstützend wirkend, indem wir eine gemeinsame Veranstaltung in unserem Kinosaal durchführen.

Lennard Broll: Gut. Dann bedanken wir uns sehr herzlich für das Gespräch und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Keil, Angelika Schöttler, Desiree Feuerriegel, Lennard Broll

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